Seit der Antike ist die Edel- oder Esskastanie im ganzen Mittelmeerraum und den angrenzenden Gebieten verbreitet. Während sie am Südrand der Alpen bis auf eine Höhe von 1000m gedeiht, dehnt sich ihr Lebensraum im Kaukasus bis auf 1800m aus. Wie andere Obstarten ist auch die Edelkastanie keine Wild-, sondern eine Kulturform. Gesundheit und Lebenserwartung der Bäume ist unmittelbar abhängig von der fachgerechten Pflege durch den Menschen. Die grösste Bedrohung für die Kastanienkulturen in der Schweiz besteht darin, dass die Pflege der Bäume aufgegeben wird.

 

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts gab es im Tessin eine lebhafte Kastanienkultur mit gepflegten Selven und weitläufigen Wäldern –  die Kastanienproduktion war ein wichtiger Wirtschaftszweig vieler Tessiner Täler. Noch heute zeugen im Tessin bis 750 Jahre alte Kastanienriesen von dieser Zeit. Während die Frucht einerseits als Grundnahrungsmittel hoch geschätzt wurde, bot sie auch Nahrung für die Nutztiere, das Holz diente als Bau- und Brennholz und das Laub wurde als Einstreu für das Vieh gesammelt.

 

Ab 1950 wurden die Kastanienselven und –wälder aus wirtschaftlichen Gründen zunehmend vernachlässigt. Der aus Asien stammende Kastanienkrebs Cryphonectria parasitica, der zuerst in die USA und von dort um 1940 nach Italien eingeschleppt wurde, wütete auch unter den Schweizer Kastanien und führte zu grossflächigen Rodungen ganzer Kastanienwälder. 1985 bildete sich im Tessin eine Arbeitsgruppe mit dem Ziel, die fast vergessene Kastanientradition vor dem endgültigen Verschwinden zu bewahren. Mit der Bekämpfung des Kastanienkrebses durch die Selektion von resistenten Kastaniensorten, der Wiederherstellung von Kastanienselven und –wäldern sowie der Verwertung und Vermarktung der Kastanienernte konnten bis heute grosse Erfolge erzielt werden. Die Projekte wurden massgeblich vom Fond Landschaft Schweiz und anderen Institutionen unterstützt. Gepflegte Kastanienselven, wie sie heute wieder in der ganzen Südschweiz zu finden sind, sind nun touristische Attraktionen und verzaubern die Besucher zu jeder Jahreszeit mit ihrer Schönheit.

 

Nach der nationalen Inventarisierung der Kastaniensorten, die im Rahmen des Nationalen Aktionsplan zur Erhaltung der pflanzengenetischen Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft NAP-PGREL durchgeführt wurde, entstand in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Landwirtschaft eine Positivliste mit 102 Kastaniensorten, die heute in den Primärsammlungen in Biasca und Cademario TI erhalten werden. Betreut werden diese Sammlungen von der Associazione dei castanicoltori della Svizzera italiana.

 

In bevorzugten Lagen der Zentralschweiz hatte die Kastanie bis 1950 ebenfalls einen hohen Stellenwert, geriet danach aber schnell in Vergessenheit. Der Verein Pro Kastanie Zentralschweiz führte im Rahmen des NAP-PGREL die Inventarisierung der Kastaniensorten der Deutschschweiz durch, betreut die Sortensammlung in Küssnacht am Rigi und engagiert sich mit der Anlage und Pflege von Kastanienhainen in der Zentralschweiz.

 

Links

Erhaltung der pflanzengenetischen Ressourcen, Nationale Datenbank Schweiz

Vereinigung der Tessiner Kastanienproduzenten

Pro Kastanie Zentralschweiz

Foto: Benjamin Gimmel
Foto: Benjamin Gimmel